Einsamkeit? Einsamkeit ist die Belohnung.
Mittwoch, 23. Dezember 2020, bei „Remembrance“ von Ketil Bjornstadt, Tore Brunborg und Jon Christensen
Man erzählt nichts anderes als die eigene Wahrheit,
weil die Wahrheit unsere Geschichte ist. Was macht
es schon, wenn an manchen Stellen der überwiegende
Teil frei erfunden ist. Zu erfinden, bedeutet das nicht
genaugenommen, wiederzuentdecken? – Edmond Jabès
Der Tag vor Heilig Abend. Seit gestern ununterbrochener Regen, auch die Nacht hindurch. Ich hatte noch bis gegen halbzwei gesessen und orientierend in meiner Sekundärliteratur zu Spinoza gelesen, als der Regen so heftig wurde, dass ich das abfließende Wasser in den Regenrinnen am Balkon und im Fallrohr hinter meiner Arbeitszimmerwand gurgeln hörte. Es wird übrigens bei Antonio Negri sehr deutlich, dass er sein großes Spinoza-Buch „Die wilde Anomalie“ vor dem Zusammenbruch des Kommunismus und des Ostblocks schrieb. Das, was dadurch überholt ist, war mir noch bei keiner Lektüre so deutlich. Zudem schreibt er auch vor der Digitalisierung der Welt. Die dadurch bewirkte Umwälzung der Produktionsweisen hat er sich gar nicht vorstellen können. Dagegen bemerkt man natürlich wie sehr seine mit Hardt geschriebenen Bücher Empire und Multitude bereits in seinen Spinozastudien bzw. in Spinozas Gesellschaftsmodell grundgelegt sind. Egal, das wollte ich gar nicht schreiben, es hingt lediglich an der gedanklichen Perlenkette des Regens von vergangener Nacht.
Wir haben schon weitgehend alles erledigt und heruntergefahren, Einkäufe sind gemacht, die Liebste hat vorhin noch zwei Taschen mit Büchern in die neue Dach-Bibliothek hinaufgetragen. Wir sind jetzt mit der englischsprachigen Bibliothek bei Malcom Lowry angekommen. Ich werde mich in den nächsten Tag mal wieder an den Aufstieg wagen müssen, um mir das Ergebnis ihrer Arbeit anzusehen; die Wand auf der Kaminseite dürfte bald voll sein.

Auch die Auswahl für das Cover meines neuen Romans, der Ende nächsten Monats erscheinen soll, hat sich in dieser Woche noch abschließen lassen, wofür Sven j. Olsson Dank zu sagen ist. Vielleicht wird sich die Typo noch ändern, aber das soll Yehudis in Jerusalem entscheiden, doch da sie heute Geburtstag hat, so darf das noch warten.
Gestern schrieb mein Freund Leander Sukov, der Vizepräsident des Deutschen PEN, in einem Rundbrief: „Vielleicht wirst Du in diesen Tagen auf den Besuch bei Kindern und Enkeln verzichten, oder auf den Besuch durch sie. Vielleicht bist Du allein und fühlst Dich einsam.
Wir wollen da so gut helfen, wie wir können. Deshalb bieten wir ein Weihnachtszimmer auf „Zoom“ an.“
Zuerst dachte ich, ach, wie schön, dass der PEN auch an so was denkt. Ein Weihnachtszimmer auf Zoom, das könnte sicher für einige ganz schön sein. Aber dann wurde mir bewusst, wie widersinnig das in meinen alten Autoren-Ohren klang. Warum? Na, weil Einsamkeit eine der Grundbedingungen des Daseins als Schriftsteller ist. Was für andere Menschen ein möglichst zu meidender Zustand ist, ein zu fürchtendes Gefühl, das gehört für einen Autor zu den Produktionsbedingungen!
Ach, für alles Schlechte, was mit dem Schreiben verbunden sein kann und über die Jahre, wenn man es lange genug betreibt, auch auf jeden Fall ist und sein wird – kann sein, du verlierst die Freundin, die Frau, Verwandte, Jobs und vielleicht den Verstand. Kann sein, du isst nichts, tagelang. Kann sein, du frierst auf einer Parkbank. Kann sein, Gefängnis. Kann sein, Verachtung. Spott, Isolation -, für all das ist die Einsamkeit die Belohnung. Denn sie schenkt dir die Zeit, um zu arbeiten, also das Wichtigste, was Du brauchst. Sie schenkt Dir den Raum, in dem Du allein bist, allein sein kannst und darfst, allein mit den Göttern. Vertrödele das nicht für ein Kaffeekränzchen mit anderen Einsamen, die nicht wissen, wozu du deine Einsamkeit brauchst.
Bleiben Sie gesund und glücklich
wünscht Ihnen für die Festtage
Ihr PHG