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Und das muss genügen …
Wenn man, wie ich, davon ausgeht, dass der Beginn der Kunst und des Erzählens im Mythos wurzelt, im Mysterium, dann ist nicht zu übersehen, dass diese Verbindung verlorengegangen ist. Niemand hat diesen Verlust vermutlich besser geschildert, als der große hebräische Erzähler und Nobelpreisträger von 1966 S. J. Agnon, von dem der Kabbala-Gelehrte Gershom Scholem am Schluss seines Hauptwerkes über die jüdische Mystik[1] berichtet, dass er von ihm die folgende Geschichte über das Erzählen und das Feuer gehört habe:
Wenn der Baal-shem etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Geschöpfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Walde, zündete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditation versunken, Gebete – und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation später der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Walde und sagte: »Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen« – und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation später sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: »Wir können kein Feuer mehr anzünden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben, aber wir kennen den Ort im Walde, wo all das hingehört, und das muss genügen.« – Und es genügte. Als aber wieder eine Generation später Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu vollbringen hatte, da setzte er sich in seinem Schloss auf seinen goldenen Stuhl und sagte: »Wir können kein Feuer machen, wir können keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.« Und – so fügt der Erzähler hinzu – seine Erzählung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen.
Nur das Erzählen blieb uns also. Die Literatur, sie ist nicht etwas, das wir mit mal mehr, mal weniger Interesse auf dem Buchmarkt finden können. Es ist das, was uns mit dem Mysterium unseres Menschseins verbindet, mit dem Staunen über unser Dasein. Wir sind das einzige Tier auf diesem Planeten, das Geschichten erzählt. Und möglicherweise sind wir nur deshalb Menschen geworden, weil wir eben dies tun, Geschichten erzählen. Unsere Verbindung mit dem Feuer, der magischen Sprache, mögen wir verloren haben, aber erzählen können wir noch, von allem, was ist und war, das muss genügen. Zur Wahrheit kommen wir nur durch eine Geschichte. Und jede Erzählung, alle Literatur ist ein Gedenken an den Verlust, der in Agnons Erzählung durch den Verlust des Feuers symbolisiert wird. Erst, wenn wir das Erzählen aufgeben oder gar in Zukunft von der KI erledigen lassen, ist alles verloren.
Bleiben Sie glücklich,
wünscht Ihnen Peter H. E. Gogolin
[1] Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, stw 330